2018-01-18

NACHDENKEN ÜBER "GESCHLECHT" IN DER SCHULE

Lehrerin und Autorin Kristina Rehr
Kristina Rehr ist Lehrerin und Buchautorin. Als ich an ihrer Schule eine Lesung hatte, haben wir uns kennengelernt und auf der Hin- und Rückfahrt viel über Mutterschaft, Feminismus und Genderforschung unterhalten. Und ein Jahr später erzählt sie mir, dass sie jetzt ein Themenheft für die Schule (erschienen im Militzke Verlag) geschrieben hat - weil über Geschlecht und alles, was dazu gehört immer noch viel zu wenig in der Schule gesprochen wird. Sie wollte Anregungen für den Philosophie-Unterricht bieten und weil ich schon in das Heft reinlesen durfte, habe ich sie direkt um ein Interview gebeten.

Du bist Lehrerin an einem Gymnasium in Niedersachsen und hast ein Themenheft zum Thema Geschlecht für die Sekundarstufen I und II veröffentlicht. Wie bist du auf die Idee dazu gekommen?

Dies hatte vielfältige Gründe: Zum einen habe ich festgestellt, dass beim „Streifen“ dieses Themas im WuN oder Politikunterricht erschreckend rollenkonforme Vorstellungen der Schüler*innen zum Vorschein kamen, die völlig unreflektiert ausgesprochen wurden, ohne jegliche Argumentation oder Hintergrundwissen. Wenn Achtklässler feststellen, dass Mädchen ja nun mal „zickig und launisch“ seien oder Mütter „gar nicht so richtig“ arbeiten gehen könnten, ist das schon heftig. Wenn man dann genauer nachfragt, werden beispielsweise YouTube Channels als Beleg genannt, die in „Girls vs. boys“- Challenges „beweisen“, dass Mädchen eben nur ans Schminken denken. Die sind der medialen Flut an Geschlechterklischees in Werbung, Serien und vor allem bei YouTube vollständig ausgeliefert. Da schien es mir eine Notwendigkeit, im Unterricht wenigstens den Versuch der Aufklärung und „produktiven Verunsicherung“ zu starten. Da es noch kein zusammenhängendes Unterrichtsmaterial zu dem Thema gab, habe ich erst mal im stillen Kämmerlein begonnen, die für mich brennenden Fragen dieses Themas didaktisch möglichst vielfältig zu verarbeiten und nach einem halben Jahr war dann da dieses Heft…

Hinzu kommt ganz privat, dass ich beim Eintritt meines mittlerweile dreijährigen Sohnes in die Kita gemerkt habe, dass diese Maschinerie an geschlechtsspezifischen Produkten und damit einhergehenden engen Erwartungen sehr früh zuschlägt. Es muss entsprechend dagegen gearbeitet werden.

Findest du, dass die Themen Genderrollen, Sexismus und Diskriminierung aufgrund von Geschlecht schon ausreichend im Unterricht behandelt werden?

Ich maße mir nicht an zu beurteilen, ob und in welcher Form die einzelnen Kollegen bspw. in Politik/Wirtschaft oder WuN/Ethik diesem Thema Raum geben, aber in den Lehrplänen steht es nicht drin und das ist immer schon ein schlechtes Zeichen. Ich kann nur sagen, dass die Schüler*innen sehr oft total überrascht davon sind, dass Babys mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen geboren werden können, oder dass die vollständige rechtliche Gleichstellung der Geschlechter noch gar nicht so lange her ist oder dass der Anteil der Bürgermeisterinnen in der BRD bei 4% liegt und so weiter. Also habe ich auf jeden Fall nicht das Gefühl, dass diese Themen „ausreichend“ behandelt werden.

Wie reagieren die Schüler*innen auf die Themen?

In der Mittelstufe setze ich einfach bei ihren Vorstellungen über Geschlechterunterschiede und den damit verbundenen Erwartungen an. Das geht manchmal schon ans Eingemachte, weil sie ein sehr starkes Konformitätsverhalten aufweisen. (Ein Junge muss doch…/Ein Mädchen muss doch…) Weiterhin kommt hinzu, dass in diesem Alter alles „hochgradig peinlich“ ist. Aber nach den ersten Schranken diskutieren sie sich die Köpfe heiß und gehen ganz anders an z.B. mediale Sachverhalte ran und stellen auch eigene Vorlieben in Frage, die für sie bisher als selbstverständlich galten.
In der Oberstufe funktioniert es dann mehr auf intellektueller Ebene, da kann man dann schon über verschiedene feministische Theorien diskutieren und die gesellschaftliche Ebene stark mit einbeziehen. Am Anfang sind die Jungs immer skeptisch, weil viele das Bild der „Frauenbeauftragten mit Kurzhaarfrisur“ im Kopf haben, aber die kriegt man an Bord, sobald klar wird, dass Feminismus die Chancengleichheit aller Menschen propagiert und keine „Frauenherrschaft“ errichten will.

Ein Teil des Themenheftes beschäftigt sich auch mit dem Thema Schönheit. Welchen Stellenwert haben die Themen Body Shaming, Diäten und Schönheit bei den Schüler*innen von heute deiner Erfahrung nach?

Man ist versucht zu glauben, dass dieses Thema „durchdiskutiert“ und es mittlerweile Allgemeingut ist, dass Diäten und Schönheitsideale unglücklich machen und zu Essstörungen führen. Jedoch ist Wissen und emotional bedingtes Handeln bei weitem nicht dasselbe. Ich hatte eine ungeheuer kluge Schülerin in der 7. (!) Klasse, die sich bei einem „Wetthungern“ selbst ins Krankenhaus brachte: eine selbstzerstörerische Handlung ausgelöst durch Leistungsdruck, aber auch abfällige Kommentare. Bei diesem Thema finde ich es eindeutig am schwierigsten, zu den Schüler*innen durchzudringen, weil es so persönlich und emotional ist. Auch wenn über die Mechanismen (besonders auch die wirtschaftlichen!) und die Folgen aufgeklärt wird, kann man schwierig abschätzen, wie die Jugendlichen weiter damit umgehen.

Was hältst du von den zahlreichen Initiativen und Meinungen, die aussagen, man dürfe die Inhalte deines Heftes – gerade Themen wie Homosexualität, Intersexualität und trans Menschen – nicht in der Schule behandeln, um die Schüler*innen nicht zu „verwirren“ oder zu überfordern?

Der Kerngehalt des Faches Philosophie ist Aufklärung, also damit auch „produktive Verwirrung“! Das wäre ja ein Armutszeugnis für Schule, wenn wir gesellschaftlich kontroverse Themen nicht angehen würden. Dann überlassen wir Netzpopulisten das Feld, die diese Themen als „unnötige Randgebiete“ deklassieren oder, noch schlimmer, als „pervers“ diffamieren. Schüler*innen müssen meiner Ansicht nach durch Schule dazu befähigt werden, informiert und kritisch am gesellschaftlichen Diskurs teilzunehmen und diesen auch selbstständig mitzugestalten. Und aus meinen bisherigen Erfahrungen heraus kann ich sagen, dass dies sie, mit dem nötigen Hintergrundwissen, keineswegs überfordert!

2018-01-05

TOBI KATZE: IMMER SCHÖN DIE BALLONS HALTEN

"Aber Sie können doch nicht einfach Rasierschaum aus dem Regal nehmen und den... benutzen. Das geht doch nicht", stammelte sie fassungslos.
"Ja, sicher geht das. Man soll den Rasierschaum doch unbedingt vorher testen, steht doch auch diesen verschissenen Dosen überall drauf."


Schon den ersten Roman von Tobi Katze habe ich euch damals ans Herz gelegt. Über die Weihnachtstage hatte ich endlich wieder mehr Zeit zum Lesen und konnte mich so seinem neuen Buch "Immer schön die Ballons halten" widmen. Katze erzählt von Henriette. Die ist unzufrieden mit ihrem Leben - einem mehr als durchschnittlichen Leben mit nervigem Job, Wohnung aus dem Einrichtungskatalog und einer Beziehung, die nichts halbes und nichts Ganzes ist. Sie fragt sich, ob es das schon gewesen sein soll, ob das dieses sogenannte Erwachsenenleben sein soll und was sie ändern kann oder sogar muss, ohne sich selbst dabei aufzugeben.
Tobi Katzes Erzählweise hat mich schon vor Jahren bei Poetry Slams immer gepackt - daran hat sich nichts geändert. Henriette schwimmt durch ein Leben voller Unsicherheiten und versteckter Träume und Katze kann das perfekt auf den Punkt bringen. Ein Buch, das ich schnell aufgesogen habe und das einer - besonders zu Jahresbeginn - einen kleinen Arschtritt geben kann, vielleicht das eigene so gemütlich eingerichtete Leben noch einmal zu hinterfragen. Ein Coming-of-Age-Roman für die, deren Coming of Age ab 30 beginnt. Der Titel - besonders der Untertitel - wird dem Buch aus meiner Sicht nicht gerecht. Denn was im ersten Moment ein bisschen wie ein Artikel in einem Hipstermagazin klingt, verwandelt sich im Buch in tolle Sprache, schöne Metaphern und einem Klang, mit dem man gern durch einen verregneten Sonntag kommt. Und Wortspiel-Titel sind wirklich, wirklich durch. Aber das ist auch wirklich alles, was ich zu meckern habe. Absolute Empfehlung - viel Spaß beim Lesen!

2017-10-12

FEMALE FUTURE FORCE - SCHMANKERL

-Dies ist ein werblicher Beitrag.-

Vielleicht habt ihr schon von der FEMALE FUTURE FORCE gehört - ein digitales Coaching-Programm meiner Kolleg*innen von Edition F. Das Ganze ist ein Programm für Frauen, die persönlich und beruflich wachsen möchten und sich stärker miteinander vernetzen wollen. Und wenn ich eines in den letzten zehn Jahren gelernt habe, dann wie wichtig es - vor allem für Frauen - ist, sich miteinander zu vernetzen.

Für alle Mitglieder gibt es im ersten Jahr einen exklusiven Zugang zu einem digitalen Coaching-Programm mit so illustren Leuten wie Miriam Meckel (Herausgeberin der Wirtschaftswoche), Curse (Rapper und Coach) und Tina Kulow (Facebook-Kommunikationschefin). Alle Member erhalten wöchentlich neuen Input von 52 Coaches zu 52 Themen aus zwölf verschiedenen inhaltlichen Schwerpunkten wie Karriere, Kommunikation, Digital- und Führungskompetenzen, Finanzen, Engagement und Happiness.

Das klingt offenbar so spannend, dass sich schon vor dem Start am 29. September 5.000 Menschen angemeldet haben. Für 129 Euro jährlich können Frauen und Männer weiterhin Member in der FEMALE FUTURE FORCE werden. Ein Einstieg ist jederzeit möglich.

Susann Hoffmann und Nora-Vanessa Wohlert sind die Gründerinnen von EDITION F. Sie freuen sich sehr über das neue Programm: "Die FEMALE FUTURE FORCE ist unsere Premium- Membership, mit der wir unsere Nutzerinnen und Nutzer noch intensiver auf ihrem Weg begleiten“, sagt Susann.

Und jetzt habe ich ein schönes Schmankerl für euch: Ihr habt auch Bock auf das Coaching und die verschiedenen, spannenden Menschen im Netzwerk? Bis zum 31.10. bekommt ihr auf www.femalefutureforce.com mit dem Code FFF4YOU 20 Euro Rabatt auf euer Membership und könnt dann sofort durchstarten.

2017-08-14

WIE VIELE TÖCHTER BRAUCHEN WIR NOCH?

Es gibt ungefähr fünf Dinge, die bei einer Diskussion, in der es um feministische Themen gehen soll, auf jeden Fall passieren. Eines dieser Dinge ist, dass ich immer jemand meldet und sagt, dass die Feministinnen™ sich doch auch mal den Männern gegenüber öffnen sollten und mehr Männer zum Feminismus einladen sollten. Ihre Vorreiterin ist Emma Watson (love her nevertheless!), die in dieser berühmten UN-Rede auch davon sprach, Männer nicht auszuschließen. Ich bin dann immer ein bisschen angenervt, denn ich verstehe einfach nicht, wieso es meine fucking Aufgabe sein soll, Männer zum Feminismus einzuladen. Ich lade sie auch nicht aus. Die meisten sind mir eigentlich ziemlich egal. Im Gegenteil, ich traue (den meisten) Männern eigentlich so viel Verstand zu, dass sie selbst merken, dass ihnen einen feministische Grundeinstellung eigentlich nur helfen kann. Dass es dabei nicht darum geht, dass Frauen jetzt plötzlich alles kriegen und Männer weinend zuhause sitzen müssen (obwohl das eigentlich... naja, lassen wir das). Sondern, dass es um Geschlechtergerechtigkeit geht. Darum, dass auch "die Männer" vom Feminismus und seinen Auswirkungen nur profitieren können.

Manche haben das schon verstanden. Das ist schön. Heute zum Beispiel las ich einen Artikel von Nilz Bokelberg, der zum 16. Geburtstag seiner Tochter überlegte, in welche Welt er sie eigentlich entlässt und sich nun auch als Feministin bezeichnet. Weil er gemerkt hat, dass die Welt gar nicht so gerecht ist, wie er dachte. Das ist eine wichtige Erkenntnis (auch, wenn sie etwas spät kommt, aber immerhin). Und ich finde es ebenso wichtig, dass er darüber schreibt. Mich nervt, dass dann gleich wieder Stimmen kommen, die sich darüber lustig machen, das er ein Mann ist und jetzt darüber schreibt und erst jetzt merkt, dass er ungefähr drei Millionen Privilegien hat. So what? Besser als nie. Wenn Menschen, die sich noch kein Fitzelchen mit dem Scheiß beschäftigt haben, diesen Artikel lesen und dann plötzlich ein bisschen nachdenken, ist das doch schön. Dann ist schon viel gewonnen. Was die Menschen, die sich wiederum über so einen Artikel aufregen, vermutlich eigentlich nervt, ist, dass es schon sehr viele, sehr, sehr viele, unfassbar viele Artikel von Frauen zu diesem Thema gab. Dass es seit mehr als hundert Jahren Frauen gibt, die immer mal wieder sagen: "Hey, sorry, aber wir sind noch nicht gleichberechtigt, weißt du? Also, haste vielleicht nicht gemerkt, weil du bist weiß und ein Mann und hast studiert usw., aber hier stimmt immer noch nicht alles, you know?" Und dass diese Artikel einfach kein Schwein interessieren. Oder nur die, die sich dann an den Laptop setzen und der Frau eine kleine Morddrohung schicken. Aber, wenn sie ein Mann geschrieben hat, dann ist das plötzlich total emotional, weil er von seiner Tochter schreibt und all the feelings, ich verstehe das. Es nervt trotzdem. Trotz allem ist dieser Artikel wichtig. Allein, um das Thema wieder auf den Tisch zu bringen. Bei denen, die sich nicht jeden Tag damit beschäftigen. Bei denen, die - wie Nilz - sagen, dass sie sich nicht als "Feministin" bezeichnen wollen, weil sie mit bestimmten Leuten nicht in einen Topf geworfen werden wollen. Ich bin "Feministin" und will zum Beispiel auch nicht mit Alice Schwarzer in einen Topf geworfen werden (ich will eigentlich nirgendwo reingeworfen werden). Aber die, die mich in diesen Topf werfen, sind doch selbst schuld, wenn sie nicht differenzieren können. Wenn sie immer noch nicht verstehen, dass unter einem Begriff verschiedene Lebensweisen existieren. Die das gebetsmühlenartige "Naja, es gibt ja verschiedene Feminismen" immer noch nicht verstanden haben.

Und ich frage mich auch, wie viele Töchter es noch braucht, bis alle Väter verstanden haben, dass dieser Feminismus™ was Cooles ist. Das kann doch im Ernst nicht nur ein Thema für euch sein, nur weil ihr eine Tochter habt. Schaut euch mal um. Frauen gibt es überall. Und auch, wenn die - wie Nilz schreibt - augenscheinlich gleichberechtigt sind, weil sie nicht von einem Mann abhängig sind, dann heißt das nicht, dass sie WIRKLICH gleichberechtigt sind. Sie sind vielleicht alleinerziehend, verdienen weniger, machen mehr Carearbeit, werden diskriminiert, weil sie Women of Color sind oder eine Behinderung haben oder weil sie einfach nicht dem Bild dieser Superfrau, das die Gesellschaft so zeichnet, entsprechen. Das sieht man nicht immer unbedingt auf den ersten Blick. Und das sagen die meisten Frauen auch nicht beim Cappuccino.
Also: Cool, wenn die eigene Tochter einen auf den richtigen Weg führt (preach!). Cool aber auch, wenn es die Tochter gar nicht braucht. Und wenn man den eigenen Sohn oder einfach das eigene Kind sowieso gerne in eine feministische Welt entlassen möchte und sich dafür engagiert. Und das kann auch einfach sein, dass man für's nächste Podium oder den nächsten Artikel eine Frau vorschlägt (so wie Nilz es gemacht hat) und dann nochmal nachhakt und sich aufregt, wenn dann nichts mehr kommt. Das sind kleine Schritte. Aber auch die machen die Welt ein bisschen besser.