2017-03-09

DARF ICH VORSTELLEN? YUNUS!

Foto: Marian Lenhard
Viele Leute denken ja, Hannover hätte nichts zu bieten. Und dabei hat hat – um den Sänger der nun folgenden Band zu zitieren – der Grundriss der Musikhochschule die Form einer Ohrmuschel. Wenn das nicht megafancy ist! Woher weiß er das? Weil er dort studiert. Und zwar Jazzbratsche. Ja, ich hab auch schon von cooleren Studienfächern gehört, aber mit Jazzbratsche kann man mehr machen als ihr euch vielleicht vorstellen könnt. Zum Beispiel eine sehr gute Band gründen, die sich irgendwo zwischen Hip Hop, Hamburger Schule und Jazz bewegt.

Ich spreche von einem meiner Lieblings-Slam-Kollegen Johannes Berger und seiner Band YUNUS. Johannes kann also nicht nur Geschichten auf Bühnen vortragen, sondern mehr. YUNUS haben sich in Hannover gegründet und versuchen aktuell mit ihrer neu erschienenen Platte "Malibu-Cola" die Welt zu erobern. Ich fänd's ganz gut, wenn das klappen würde. Nicht umsonst hat unsere Lesebühne "Nachtbarden" im Januar YUNUS als musikalischen Gast eingeladen – und das Publikum traurig nach Hause geschickt, weil die CD noch nicht erschienen war. ABER JETZT!

Reinhören und kaufen könnt ihr die Platte bei Bandcamp – oder auf einem der nächsten Auftritte.

2017-02-21

ENTSPANNUNG. ODER: "WAS KANN ICH ALS NÄCHSTES ERLEDIGEN?"

In der „Flow“ habe ich mal gelesen, man solle Entspannung nicht als Punkt auf der To-Do-Liste sehen. Unabhängig davon, dass ich die „Flow“ wenige Male im Jahr immer nur aus Verzweiflung kaufe – weil ich alle anderen Monatsmagazine schon gelesen habe – hat mich dieser Satz ins Mark getroffen.
Ich hasse basteln. Alles, was ich male, sieht aus als hätte es ein dreijähriges Walross auf ein Blatt Papier gespuckt. Mandalas machen mich aggressiver als die Leute, die in der Straßenbahn nicht in den Gang durchgehen. Morgens früher aufstehen, um irgendwas extra zu machen (zum Beispiel Yoga, hahahaha) oder entspannt einen Kaffee zu trinken, halte ich für bekloppt, weil ich sehr gerne schlafe. Kurz: Ich kann mit Zeitschriften wie der „Flow“ nicht viel anfangen.
Aber dieser eine Satz, der hat mich getroffen. Weil ich mich nämlich komplett wiedererkannt habe.

„Ja, da versuche ich dann mal, zu entspannen“, ist immer mein Plan für die kleinen Lücken in meinem vollgestopften Terminkalender. Es hat aber sehr wenig mit Entspannung zu tun, wenn man sich verkrampft auf das Sofa setzt und denkt: „So, in den nächsten drei Stunden entspannst du jetzt mal.“ Nach spätestens zwei Minuten habe ich irgendeinen Quatsch im Fernsehen gefunden oder ein Handyspiel gespielt, und mich nach einer Stunde gefragt, wo die Zeit nur wieder hin ist. Und danach stehe ich auf, denke, jetzt habe ich halt ein bisschen entspannt und suche mir eine Aufgabe.
Vor allem, seitdem ich komplett selbstständig bin, finde ich Wochenende noch anstrengender als vorher. Wochenenden, an denen ich nichts zu tun habe und die ich eigentlich genießen sollte. Ich kann sie nicht genießen, weil ich nichts zu tun habe und deshalb das Gefühl in mir aufkommt, unproduktiv zu sein. Und das ist natürlich etwas Schlechtes. Der Mann kann zwei Tage lang auf dem Sofa rumliegen und nichts tun. Er fühlt sich dabei total gut. Ich fühle ein schlechtes Gewissen.

Ich musste zu Beginn der Selbstständigkeit lernen, dass es vollkommen in Ordnung ist, nicht morgens um 8 Uhr am Schreibtisch erreichbar zu sein, wenn man bis spät in die Nacht auf einer Bühne gestanden hat. Dass das kein Ausschlafen ist, sondern einfach nur Schlafen, weil ich nämlich viel später als alle anderen ins Bett gegangen bin.
Dass es ok ist, auf Zugfahrten auch einmal etwas zu lesen, das nichts mit meinem Job zu tun hat und diese zwei Stunden einfach komplett zu verplempern genießen.
Und dass es nicht nur in Ordnung, sondern absolut notwendig ist, sich zwischendurch Lücken zu schaffen und diese mit vollkommen unsinnigem Zeug füllen zu dürfen. An letzterem arbeite ich noch.

So schlimm wird es hoffentlich nicht.
Bald wird sich mein Leben um 180 Grad drehen. Hashtag Baby. Das ist mir total bewusst. Vielleicht wird sich das mit der Entspannung dann auch von selbst erledigen, weil Entspannung dann gleich Schlaf ist und sowieso viel zu selten vorkommen wird in den nächsten Jahren. Am 2. Februar bin ich von einer TV-Aufzeichnung mit dem Zug nach Hause gefahren, am schrecklichen Hannover Hauptbahnhof ausgestiegen und habe gedacht: „Das war’s jetzt. Zumindest für längere Zeit. Ich werde jetzt sehr lange nirgends mehr hinfahren.“ Das war der Beginn meines Mutterschutzes. Da bin ich richtig kribbelig geworden. Die letzten drei Jahre war ich mehr als die Hälfte aller Tage im Jahr unterwegs. Manchmal mehr als zweidrittel aller Tage. Ich habe das Packen optimiert und kenne fast jeden Bahnhof in Deutschland besser als meine Wohnung. Und das macht mir Spaß. Ich bin gerne unterwegs und jeden Tag woanders. Jetzt also Mutterschutz. Nicht den offiziellen, weil ich ja gar nicht angestellt bin, aber schlecht ist dieser Gedanke ja nicht, sich auf das Baby vorzubereiten und einzusehen, dass man auch körperlich nicht mehr in der Lage ist, stundenlang mit dem Zug durch die Gegend zu gondeln, in Hotelzimmern zu schlafen und durch Städte zu hetzen.


Die Ranunkeln passen gut auf den Esstisch.
In den letzten Wochen habe ich jetzt also versucht, meine freie Zeit zu genießen. „Genieß deine freie Zeit“, sagen sie. „Freu dich darüber, bevor das Baby da ist“, sagen sie – als wäre mein Leben dann am Ende. „Schlaf!“ rufen sie. Zusammen mit dem Mann habe ich das Kinderzimmer eingerichtet. Ich habe alle Kolumnen geschrieben, die es vor der Geburt noch zu schreiben galt und alle Termine, die nach der Geburt auf mich zukommen, organisiert und abgesprochen. Ich habe sehr viele Excel-Listen gemacht und meine Pause organisiert für das Team, mit dem ich im Oktober die Deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften in Hannover ausrichten werden. Ich habe alle Babysachen gewaschen und getrocknet. Ich habe meine Steuererklärung gemacht. Ich habe alle aktuellen Ausstellungen und Kinofilme in Hannover gesehen. Ich habe einen Podcast gestartet und daraus direkt eine Live-Talkshow gemacht. Ich war noch nie in meinem Leben so oft zum Frühstück verabredet. Ich habe mehr Bücher gelesen als in den letzten drei Jahren zusammen und Angst, dass meine Netflix-Liste bald leer ist. Ich merke, dass ich – je mehr Zeit ich habe – immer fauler werde. Das ist ein gutes Zeichen. Ich war inzwischen sogar zweimal auf dem Markt, um Waffeln und Blumen (Ranukeln!) zu kaufen. Auf dem Markt! Da war ich vorher noch nie. Ich durchstöbere das Internet und kaufe nichts, weil alles viel zu teuer ist. Ich warte tagsüber darauf, dass der Mann nach Hause kommt und die aktuell aufregenden Fragen für mich lauten: „Müssen wir noch einkaufen?“ und „Wann kommt die Hebamme zur Akupunktur?“. Ich scrolle mich durch die Vorschläge von Instagram und habe Angst, dass manche Menschen mich für eine Stalkerin halten, weil ich so viele ihre Bilder like, um irgendwas getan zu haben. Manchmal schminke ich mich, obwohl ich das Haus nicht verlassen werde, einfach damit ich was zu tun habe. ICH KANN NICHT RUHIG RUMSITZEN. Inzwischen auch nicht mehr, weil der Bauch auf alle Organe drückt – aber das ist eine andere Geschichte.

Ich habe diese Menschen auf Instagram und Twitter immer bewundert, die augenscheinlich Wochenenden damit verbringen, ganze Serien am Stück zu schauen. Ohne das Bett zu verlassen (und dabei ihre hübsch tätowierten Beine mit Kaffeetasse und Laptop und dieser Blümchen-Bettwäsche von Ikea vor die Handykamera halten)! Das kann ich immer noch nicht. Aber ich bin auf einem guten Weg. Ich hoffe, bis zum Tag der Geburt zumindest einmal gelernt zu haben, wie komplette Entspannung ohne schlechtes Gewissen funktioniert. Dann weiß ich, auf welche Technik ich in vielen, vielen Jahren zurückgreifen kann, wenn ich dann mal wieder Zeit habe, genau diese zu verplempern. Und jetzt entschuldigt mich, zumindest mit „How to get away with murder“ will ich vor der Geburt noch fertig werden.

2016-12-20

JAHRESRÜCKBLICK 2016

Januar

Ein neues Jahr, neu durchstarten, neu ordnen, neu wünschen, neu neu.
Das Jahr startet mit einer Nachricht, die meinen politischen Aktivismus in diesem Jahr prägen wird. Hunderte sexualisierte Übergriffe während der Silvesternacht – und das nicht nur in Köln – die unentschuldbar und absolut ekelhaft sind. Eine überforderte Polizei, ein aufgebrachtes Deutschland, zu viel Öffentlichkeit für unangebrachte Meinungen. Die plötzliche Erkenntnis bei manchen, dass Frauen in diesem Land nicht sicher sind und es noch nie waren. Und dass das Gesetz genau diese Taten nicht deckt. Das immer wieder müde machende Wiederholen von Grundsätzen, davon, dass sexualisierte Gewalt nicht nur thematisiert werden darf, wenn es rassistischen Ressentiments dient. Dass das Gesetz jede Form von Übergriffigkeit endlich schützen muss und ein Nein immer ein Nein ist.

Mit dem Hashtag #ausnahmlos gewinnen wir den Clara-Zetkin-Preis für politische Intervention. Der Erkenntnisgewinn in Medien und Politik bleibt aus. Im Gegenteil.

In Istanbul die erste berühmte Bombe des Jahres und die Befürchtung, dass das nicht gut ausgehen wird. Nicht wissen, wohin mit sich und all den Gedanken.

Ein Sortieren.

Snape stirbt. Dieses Mal in echt.

Februar

Meine Jugendliebe gewinnt endlich den langersehnten Oscar. Für einen Film, für den er ihn am wenigsten verdient hat. Ich würde ihn trotzdem gerne anrufen, aber leider habe ich seine aktuelle Nummer nicht.

Ich lese in einer Wohnung im Ihmezentrum und denke danach, dass eigentlich jeden Tag irgendjemand in einer Wohnung im Ihmezentrum lesen sollte. Also Vorlesen, für andere. Weil das Ihmezentrum in Wirklichkeit genau dafür gemacht ist.

An Rosenmontag ist in Hannover niemand verkleidet oder deutlich betrunken. Alle ziehen einfach die gleiche Montagsfresse wie immer. Ich mag diese Stadt.

Peter Lustig stirbt.

März

Kein guter Monat für Jan Böhmermann.

Schon wieder ein Anschlag. Dieses Mal in Brüssel. Aber was soll das? Jeden Tag finden irgendwo Anschläge statt und nur die in der westlichen Welt finden ihren Weg in die Medien und auf die Profilbild-Veränderer bei Facebook. Jeder Mensch, der bei diesem Schwachsinn stirbt, ist einer zu viel.

Meine Freundin Laura und ich geben der Zeitschrift „Barbara“ ein Interview. Auf den Fotos sehe ich das erste Mal im Leben aus wie ein Bondgirl.

Der Mann und ich fahren nach Berlin und lassen meinen Arm anmalen. Zwei Tage lang starre ich auf das Bild unter der Folie und kann mir nicht vorstellen, dass das jetzt für immer dort ist. Der Mann zieht nach. Anderes Motiv, andere Stelle, gleiche Tätowiererin. Meine Mutter sagt erst gar nichts dazu und dann nur: „Es ist riesig.“ Mein Vater freut sich, dass ich das endlich gemacht habe.

Guido Westerwelle stirbt.

April

Ganz Hannover darf nicht mehr winken. Denn er ist da. Der mächtigste Mann der Welt. Die Version, die wir noch ernst nehmen können. Zwei große Sorgen machen sich die Hannoveraner laut den Facebook-Kommentaren der Tageszeitung:
1. Sie dürfen am Sonntag den Müll nicht auf die Straße stellen.
2. Dürfen sie sich aber noch im Park öffentlich betrinken?

Der Mann und ich gehen einkaufen. Über unseren Köpfen kreisen durchgehend zwei Hubschrauber. Ich komme mir beobachtet vor. Obwohl die NSA wahrscheinlich eh schon alles über mich weiß.

Die Wohnung wird zunehmend zu klein. Der Mann und ich müssen uns ein Arbeitszimmer teilen. Während ich so tue, als würde ich arbeiten, schickt er mir folgende Nachricht: „Neben meinem Arbeitsplatz sitzt eine, die ständig irgendwelche Handy-Videos laut abspielt. Das Handy ist nicht auf lautlos und sie bekommt die ganze Zeit Nachrichten.“ Meine Deckung ist also aufgeflogen.

19. April 2016: Tobi Kunze ist als Erster und vor der verabredeten Uhrzeit im Theater der Lesebühne.

In der letzten Aprilwoche fährt der Mann auf Klassenfahrt und lässt mich mit meinen Handyvideos allein. Er verabschiedet sich mit: „Iss vernünftig!“ Klar, ich lege auch keinen großen Wert auf so romantischen Quatsch wie „Ich liebe dich“ oder „Pass auf dich auf“.

Prince stirbt.

Mai



Juni

Boateng wird zum Sinnbild eines guten Nachbarn.
Einen von den Geflüchteten, der noch keine Tore für Deutschland geschossen hat, wollen die meisten dann aber doch nicht direkt nebenan haben.
Es brennt in Kaltland.

Als ich aufwache, schaut der Mann neben mir erschrocken auf sein Handy. „Was ist denn?“, frage ich. „Die haben für den Brexit gestimmt“, sagt er. Fassungslosigkeit.

In diesem Monat bin ich das erste Mal im Jahr zwei Wochen am Stück zuhause. Der Mann und ich nutzen die Zeit und machen ein Baby. Wissen wir da aber noch nicht.

Muhammad Ali stirbt.

Juli

Urlaub. Schottland. So viel Land und so wenig Menschen. Ein Traum. Es regnet quasi zwei Wochen durch. Nur am Anfang und am Ende des Urlaubs scheint die Sonne. Aber das ist uns egal. Wir haben es uns ja so ausgesucht.
In einem Studierendenwohnheimzimmer mache ich einen Schwangerschaftstest. Positiv. Bis Mitte August werde ich niemandem davon erzählen. Es ist das schwerste Geheimnis, das ich jemals behalten musste.
Wenn ich dem Baby erzähle, wo es schon alles war, allein durch die Tatsache, dass es sich meinen Bauch zum Wachsen ausgesucht hat, dann wird es sicher schon vom Erzählen reisekrank.

An dem Tag, an dem der Freund meiner Schwester offiziell zum Doktor der Mathematik wird, verschlucke ich aus Versehen eine Menge Glitzerkonfetti, weil ich es für ein Kunstprojekt in den Mund nehmen muss. Jeder so wie er kann.

Und während ich das Urlaubsleben genieße, werden in den USA weiterhin Schwarze von weißen Polizisten erschossen. Ein Land steuert auf den vollkommenen Kontrollverlust zu und alle gucken zu. Ach, was sage ich? Es ist ja schon mitten drin. Schon seit immer. Black Lives matter.

Miriam Pielhau stirbt.

August

Der Mann und ich unterschreiben den Mietvertrag für die Traumwohnung.

Sonst passiert nichts. Auch mal schön.

Gene Wilder stirbt.

September

Plötzlich New York. Dieser Schnellkochtopf an Geräuschkulissen. Eine Woche voller Eindrücke, die für Jahre reichen sollten. Es sind 38 Grad und in den U-Bahn-Schächten herrscht so etwas wie eine natürliche Sauna. Ich bestaune die Gebäude und meine Mutter bestaunt die Menschen. Es ist wie Luftanhalten bis wir wieder in Hannover landen und ich zuhause in einer Badewanne liege und niemand spricht und kein elektronisches Gerät an ist.

Ich finde einen Ohrringverschluss wieder, den ich zu Ostern glaubte, verloren zu haben. Nicht nur das. Ich dachte nachts, er sei mir gerade in den Gehörgang gefallen. Der Mann hielt das für ausgemachten Unsinn und technisch nicht möglich. Der Arzt in der Not-Ambulanz sagte: „Außer Schmalz ist da nichts drin.“ Und so lebte ich einfach weiter, sechs Monate, in dem Glauben, in meinem Gehörgang sei alles in Ordnung.
Und dann mache ich diese kleine Gehörgangsspülung nach den Flügen, weil alles so verstopft scheint. Und was passiert? Der Verschluss findet seinen Weg zurück aus meinem Ohr und landet im Waschbecken. Er hatte es sich in meinem Gehörgang gemütlich gemacht und nicht entzündet. Aber er war da! So wie ich es geahnt habe. Und die Moral von der Geschicht’: Hört nicht auf Experten.

Curtis Hanson stirbt.

Oktober

Plötzlich ist eine Kugel zu sehen. Vorne an mir dran. Jetzt sind es insgesamt drei Kugeln, die immer größer werden. Ich fühle mich schon super schwanger und dick. Aber ich weiß ja auch noch nicht, was da noch kommt.

Wir packen Kisten über Kisten. Das Umzugsunternehmen liefert 60 davon und ich denke: „What the fuck? So viel hat niemand.“ Am Ende des Monats sind 60 von ihnen voll. Ansonsten darf ich nicht viel machen, weil ich nichts heben soll. Deshalb esse ich lieber Haribo und sitze auf dem Sofa herum. Der Mann packt die Elektronik ein. Es läuft kein Fernseher und ich erzähle irgendwas. Er sagt: "Sowas könnten wir öfter machen, das ist besser als Fernsehen." "Abbauen?" frage ich. "Uns unterhalten", sagt er.

Manfred Krug stirbt.

November

„Du liest zu viel!“ sagt der Möbelpacker als er die soundsovielte Kiste mit Büchern in die neue Wohnung trägt. „Das habe ich deinem Mann auch schon gesagt – die wird sonst zu schlau.“ „Und was hat der geantwortet?“ frage ich. „Zu spät!“ sagt der Möbelpacker und lacht.

Ankommen.
Und dann gleich wieder wegfahren. Im November bin ich so viel unterwegs wie seit langem nicht mehr. Während der Mann inzwischen jede Ecke der neuen Wohnung kennt, fühle ich mich immer noch wie ein Gast.

Am 9. November wache ich in Leipzig auf. Es ist sehr früh und ich muss Pipi. Ich denke, ich könnte mal kurz gucken, was Hillary zu ihrem Sieg gesagt hat. Und dann liege ich sehr lange wach im Bett und starre auf die Nachrichten, die mein Handy anzeigt. Irgendjemandem da oben sind in diesem Jahr massiv die Fäden entglitten.

Leonard Cohen stirbt.

Dezember

Diese bekloppte Hoffnung, dass der Typ im LKW doch nur betrunken war oder eingeschlafen ist. Nur damit der Scheiß nicht wieder instrumentalisiert werden kann. Twitter ausschalten, Facebook ausschalten und alles so machen wie früher. Einfach in zwei Tagen die Zeitung lesen und nur das glauben, was tatsächlich bestätigt wurde. Nicht wissen, wohin mit dem Mitgefühl.

Was kann ich tun? Kann ich irgendwas tun? Bringt es irgendwas für Aleppo durch die Stadt zu laufen und zu demonstrieren? Interessiert das wirklich irgendjemanden? Bin ich inzwischen zu abgestumpft? Hab ich noch Geld, das ich spenden könnte? An wen denn?

In der Postfiliale geraten zwei erwachsene Männer so sehr aneinander, dass der eine dem anderen verspricht, ihm den Kopf wegzublasen. Ein Dritter mit beruhigender Samson-Stimme geht dazwischen.

Weihnachten ist schon lange nur noch ein Punkt auf der Zeitkarte.

Aus Gründen, die niemand nachvollziehen kann, sind sämtliche Kindermöbel weiß. Ich mag kein weiß. Im Januar sollte ich dann trotzdem endlich mal ein Bettchen in dieses Zimmer stellen.

Zsa Zsa Gabor stirbt.

Was kommt: Ein Jahr voller Ungewissheiten und mit einem neuen Menschen an Bord. Mehr braucht es erst einmal nicht. Der Rest kommt doch eh anders als man denkt.

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Was sonst noch in meinem Leben passierte (ein Auszug):

2016-12-14

ICH LACHE, ICH BIN SCHWANGER, ICH HABE BLASENSCHWÄCHE.

Es gibt ja Dinge bei einer Schwangerschaft, über die redet niemand. Diese Sache mit der Pinkelei, zum Beispiel. Ich muss quasi durchgängig auf die Toilette. Ich könnte dort auch einfach einziehen, oder mir zumindest einen kleinen Tisch vor die Schüssel stellen, um Artikel direkt vor Ort fertigstellen zu können. Ich trinke ja auch viel mehr. Vorher hab ich immer viel zu wenig getrunken. Ich war eine von denen, die sich zwingen mussten, eineinhalb Liter Flüssigkeit täglich zu sich zu nehmen. Ich hatte einfach nie Durst. Manchmal habe ich mich nachmittags gefragt, woher diese Kopfschmerzen kommen und dann fiel mir ein, dass ich das letzte Mal morgens einen Kaffee getrunken hatte (was ja nicht so richtig zählt). Jetzt also muss das mehr sein und da achte ich drauf. Mein Körper ist völlig überfordert. So viel Flüssigkeit! Wohin damit? Am besten schnell wieder rausleiten.

Wenn ich das Haus verlasse, gehe ich nochmal auf Toilette, egal, ob ich gerade muss oder nicht. Nach zehn Minuten außer Haus denkt mein Körper: Oh! Jetzt kann sie gerade gar nicht auf's Klo, jetzt senden wir Signale, dass sie dort aber ganz dringend hin muss. Es ist furchtbar. Und wenn ich dann auf dem Klo hocke und mich entleert habe, dann denke ich: Fertig. Ich mache Dinge, die alle so machen, abwischen, anziehen, Hände waschen, trallala und dann! Pustekuchen! Irgendwo zwischen Abwischen und Hände waschen kommen dann doch nochmal ein paar Tröpfchen hinterher. In meinem Kopf quatscht die dusselige Kuh aus der Werbung: "Ich lache, ich niese, ich habe Blasenschwäche." (Ich verstand da anfangs übrigens immer: "Ich lache, ich lese, ich habe Blasenschwäche." Und fragte mich, wieso jemand beim Lesen Urin verliert.) Und ich gehe verzweifelt ein zweites Mal auf die Toilette, um danach ein neues Höschen anzuziehen. Ja, das ist alles schlimm. Aber es ist eben auch nur Pipi und ich hätte mir diesen Text gewünscht, bevor ich in der Yogaschule aus Versehen ein kleines Pfützchen auf den Boden gemacht habe und mich in Grund und Boden schämte. Meine Beckenbodenmuskeln sind super. Allein aus egoistischen Orgasmus-Gründen habe ich diese schon vorher regelmäßig trainiert. Die Hebamme sagt: "Das ist normal. Manchmal denkst du auch, du musst und dann kommt nix. Die Gebärmutter drückt auf die Blase. That's just it." Und ich denke: Macht trotzdem keinen Spaß.

Nicht nur, dass ich den ganzen Tag damit beschäftigt bin, meine Klogänge zu organisieren. Innerhalb von einer Woche erzählen mir verschiedene Personen, wie mein kugeliger Bauch gerade auf sie wirkt. Von "ach, man sieht ja noch fast nix" bis "wow, dafür bist du aber schon ziemlich rund" (von einem sicherlich schwangerschaftserfahrenen Mann! Ironie off.) ist alles dabei. Meine Frauenärztin sagt: "Ihr Bauch ist perfekt, so wie er ist." Sie ist super. Sie sagt auch Dinge, wie: "Ich weiß, was die Leute denken, wenn sie Sie sehen. Muss das sein? So klein und dann auch noch vermehren?" Ich liebe sie dafür. Sie erzählt mir übergriffigen Müll, den ihre Tochter sich anhören muss, weil sie ebenfalls eine Eigenschaft hat, die nicht alle haben. Und ist bei den Ultraschallbildern immer fast ein bisschen emotionaler als ich selbst.

In der Zwischenzeit hat der Mann ganz andere Sorgen. Er hat zwei Hobbies. Abends immer eine Folge "Bares für Rares" in der Mediathek schauen. Und Otter. Der Mann kennt jedes Ottervideo in diesem verdammten Internet. Könnte man Otter zuhause halten, hätten wir wahrscheinlich zehn Stück. Vor einigen Tagen gestand er mir, dass er sich Sorgen mache, das Kind könnte Otter nicht mögen. Da wurde mir klar, dass meine ganzen Sorgen (Wie mache ich das mit der Selbstständigkeit? Werden wir genug Geld haben? Wird das Kind 1 gechillte Person?) völlig nebensächlich sind. Das sind die eigentlichen Dinge, um die man sich Gedanken machen sollte! Wir waren uns aber schnell einig, dass das Kind Otter schon mögen wird. Wie kann man Otter nicht mögen?

Ein Tipp, für alle, die sich auch mal richtig schlimm fühlen wollen: Kauft euch mit Schwangerschaftsbauch einen Burger und Pommes bei einer der bösen großen amerikanischen Ketten und lauft dann mit der Tüte herum. Stattdessen könntet ihr euch auch eine brennende Zigarette zwischen die Finger klemmen. Macht fast keinen Unterschied. Und tatsächlich! Ich habe den Burger und die Pommes auch gegessen. Einfach, weil ich Bock drauf hatte. Vermutlich habe ich den Geschmackssinn des Kindes jetzt für immer zerstört. Kann mir aber egal sein. Ich bin nämlich nicht die, die später für die Erbse kochen wird. Das macht der Mann, der kann das nämlich viel besser. Was für ein Glück! Sonst müsste ich nämlich einen dieser wertvollen Tipps aus diesen wirklich lesenswerten Mütterforen (Nein! Tut das nie! Niemals!) verwirklich: "Am besten kochst du für deinen Göga vor, kurz vorm Geburtstermin, und frierst die Sachen ein, damit er auch was essen kann, wenn du in der Klinik bist." Oh, na klar. Vielleicht lege ich ihm auch noch eine Anleitung für die Mikrowelle daneben. Sonst muss er den Scheiß auch noch kalt lutschen. Es ist alles sehr, sehr schwer.