2017-07-07

GEBURT.

Bitte beachtet: Der folgende Text handelt von der Geburt meines Kindes und der Zeit danach. Ich hatte einen Notkaiserschnitt und es war alles sehr aufreibend und anstrengend. Das hier ist eine Triggerwarnung für Geburtskomplikationen, Kaiserschnitt und Kindstod. Wenn ihr gerade schwanger seid und den Text trotzdem lesen möchtet, seid euch gewiss: Unser Fall ist sehr, sehr, sehr selten. So selten, dass sich die halbe Uniklinik mit ihm beschäftigt hat. Es ist also sehr, sehr unwahrscheinlich, dass es euch genauso gehen wird. Und, wenn es euch genauso geht oder ging, dann lasst euch gesagt sein: Ihr seid nicht allein. Ich weiß, wie ihr euch fühlt. Und ich hätte genau diesen Text in den Tagen nach der Geburt gebraucht. Bitte seht von Fragen nach weiteren Details ab. Das, was ich verraten möchte, habe ich verraten. Wer mir eine Mail schreiben möchte, um sich auszutauschen, kann das aber sehr gerne tun.

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Es ist 12:35 Uhr als ich auf das CTG-Gerät schaue und merke, dass irgendetwas nicht stimmt. Die Herztöne vom Baby fallen ungewöhnlich tief nach unten. Ich kenne das von den regelmäßigen Messungen bei der Frauenärztin – wenn es sich bewegt, können die Töne mal weg sein, aber so scheint es doch recht ungewöhnlich zu sein. Im Krankenhaus wird gerade umgebaut und die CTG-Plätze werden ausnahmsweise nicht im Schwesternzimmer überwacht. Ich kann die Entwicklung nicht einschätzen und will nicht überreagieren, deshalb überlege ich noch, die Klingel zu drücken, als eine Schwester reinkommt. Wir sagen ihr Bescheid und dann geht alles sehr, sehr schnell.
Der Mann steht hilflos in einer Ecke des Raumes, während ich mich von einer Seite auf die andere drehen soll. Eine Kinderärztin stürmt herein und alle sind sehr aufgeregt. Ich habe immer noch nicht registriert, dass das hier jetzt wirklich eine ernste Angelegenheit wird.
Mehrere Menschen schieben mich vom CTG-Raum in den Kreißsaal. Dort angekommen werde ich in Sekundenschnelle ausgezogen und auf den Operationstisch gelegt. Auf einmal sind sehr viele Menschen um mich herum. Es ist ein bisschen wie bei Grey’s Anatomy – nur, dass ich eigentlich keine Lust hatte, hier mal eine Hauptrolle zu spielen. Einem Arzt wird der Kittel angezogen, ich werde mit diesem orangenen Zeug eingeschmiert und alle reden wie in einer fremden Sprache. Einer von ihnen beugt sich über mich und sagt: „Ich bin Dr. Soundso, ich bin Anästhesist, keine Angst, wir machen das öfter, setzen Sie mal diese Maske auf.“ Und dann schlafe ich ein.

Als ich aufwache, checke ich ungefähr nichts. Ich fühle mich wie... operiert. Mir tut alles weh, ich bin müde und verwirrt. Auf jeden Fall fühle ich mich nicht wie jemand, die gerade Mutter geworden ist. Mein Kind liegt im Gebäude gegenüber. Als sie es auf die Welt geholt haben – um 12:56 Uhr (ja, das ging sehr schnell) – hat es fast nichts gemacht. Die Nabelschnur lag zweimal um seinen Hals und ich kann von Glück reden, dass ich schon in der Klinik war, als das Baby sich diese Sperenzchen ausgedacht hat. Nun liegt es in einem Kühlbettchen. Eine neue Technik, bei der die Körpertemperatur für 72 Stunden auf 33,5 Grad heruntergekühlt wird, um die möglichen Auswirkungen eines Sauerstoffmangels zu vermeiden. Es ist komplett sediert und verkabelt wie eine HiFi-Anlage. Alle Körperfunktionen werden von außen gesteuert. Der Mann zeigt mir ein Foto und ich denke: „Aha.“
Die Kinderärztin erklärt mir alles, ihre Stimme wabert an mir vorbei ins Nirgendwo. Mein Bauch schmerzt wie die Hölle. Der Mann hält meine Hand. Als ich in mein Zimmer zurückgefahren werde, schaut mich meine Zimmernachbarin verheult an und sagt: „Scheiße.“ Ich sage „Aber hallo.“ Die Schwester sagt: „Mal gucken, wir versuchen nachher aufzustehen, vielleicht können Sie noch mit dem Rollstuhl rüberfahren.“ Ich denke: „Du stehst doch schon.“

„Weißt du“, sagt der Mann, „ich habe ja immer behauptet, alle Babys sähen gleich aus. Das stimmt nicht. Unseres ist besonders hübsch.“ Und da merke ich – ganz kurz und fast heimlich für mich – dass Lachen mit einer frischen Kaiserschnittnarbe kein Spaß ist.
Am Abend versuche ich aufzustehen. Ich will unbedingt. Ich habe mein Kind noch nicht gesehen. So viele Menschen haben es schon gesehen, nur ich nicht. Ich habe das Gefühl, der Schwester gleich auf die Füße zu kotzen, in meinem Kopf dreht sich alles, es klappt nicht, ich kann auf keinen Fall stehen. „Es hat keinen Sinn“, sagt die Schwester, „morgen schaffen Sie das.“

In der Nacht denke ich darüber nach, wie ich mir die Geburt vorgestellt habe. Ich hatte eine absolut unkomplizierte Schwangerschaft. Alles, was man haben kann, hatte ich nicht. Ich habe mich kein einziges Mal übergeben, konnte bis zum Schluss meine Schuhe selbst binden und hatte kein Wasser in den Füßen. Ich fühlte mich rundum weiblich, rund und fantastisch. Alle Bedenken, die andere wegen meiner Körpergröße hatten, lösten sich in Luft auf. Ich war eine glückliche Frau, die sehr viel Kuchen aß. Ich dachte, eine Wassergeburt wäre vielleicht was Tolles. Ich war sogar vorher in der Klinik, um abzuklären, dass eine vaginale Geburt auch mit meiner Größe kein Problem sei. Ich hatte dieses Bild im Kopf, wie der Mann neben mir steht und vielleicht auch ein bisschen weint und das Baby auf meiner Brust und alle sind sehr glücklich. Der Klassiker. Ich war gespannt auf diese überbordende Liebe, die man doch spüren sollte und diese absolute Erschöpfung nach einer Geburt. All das hatte ich nicht.

Als ich am nächsten Tag wirklich im Rollstuhl rübergefahren werde, sehe ich mein Kind das erste Mal. Es liegt in einem Kasten und überall sind Schläuche. Auf seinen Augen ist eine kleine Schlafbrille, damit es nicht zu viele Reize bekommt und seine Hände und Füße sind unheimlich groß. Klavierspieler, vielleicht, denke ich. Ich sitze minutenlang vor dem Kasten und warte auf das Gefühl, das mir sagt, dass ich jetzt Mutter bin. Dieses Glück oder was auch immer das sein soll. Aber mein Kopf kann noch nicht zusammenbringen, dass das Würmchen in dem Kasten mein Kind ist, das Kind, was in meinem Bauch war.
Zurück in meinem Bett denke ich darüber nach, was jetzt alles passieren wird. Das ist natürlich Quatsch, weil niemand weiß, was passieren wird. Der Mann sitzt neben mir, schaut Fernsehen und hält meine Hand. Ein paar engen Freund*innen habe ich geschrieben, was passiert ist. Sie sind alle tolle Freund*innen und freuen sich über das Baby und sind gleichzeitig erschrocken und hilflos und fragen, wie es mir geht. Ich schreibe immer „gut“, aber das stimmt nicht.

Vor der Geburt habe ich gedacht, dass der Mann und ich ein super Team sind. Jetzt merke ich, dass er der einzige Mensch ist, bei dem ich so sein kann wie ich bin. Wir wachsen als Paar an dieser Situation wie ich es mir vorher nicht hätte vorstellen können. Die Psychologin der Klinik, mit der wir Gespräche führen können, bemerkt genau das und sagt, dass wir uns aufeinander verlassen sollen und ganz offen sein können. Das waren wir schon immer und sind es jetzt sowieso. Sie sagt, sie empfinde besonders mich als sehr stark. Das bin ich. Vielleicht auch ein bisschen, weil ich es gerade sein muss.

Zwei Tage nach der Geburt, fällt dem Baby die Schlafbrille vom Kopf und es öffnet die Augen. Ich stehe daneben und heule Rotz und Wasser. Da ist es plötzlich. Das Gefühl. Ich bin Mama. Mama von dieser Raupe, die vollgedröhnt mit Morphium vor mir liegt. Jetzt wird vielleicht alles gut, denke ich. Dann entschuldige ich mich bei der Pflegerin, dass ich weinen muss und sie lächelt nur.

Drei Tage nach der Geburt wird das Baby langsam aufgewärmt. Es bleibt noch im leichten Koma, weil es für den MRT sowieso wieder narkotisiert werden müsste. Am fünften Tag darf ich es das erste Mal in den Arm nehmen. Fünf Tage. Fünf Tage nur vor dem Bett stehen, schauen, streicheln, reden, singen, schauen. Und dann endlich, endlich in den Arm nehmen. Überall sind Schläuche, wir müssen sehr vorsichtig sein, aber da liegt es nun, in meinem Arm. Und jetzt bin ich mir auch sicher, dass das genau das Baby ist, was vorher in meinem Bauch war.
Eine Schwester sagt, sie könne dafür sorgen, dass ich noch länger auf Station bleiben darf, aber ich will nach Hause. In der eigenen Dusche duschen, im eigenen Bett schlafen, ein bisschen runterkommen. Meine Zimmernachbarin und ihr Baby dürfen auch gehen und ich will mich nicht an jemand Neues gewöhnen müssen.
Zuhause besteht mein Tag aus pumpen, abkochen, in die Klinik fahren, pumpen, abkochen, schlafen. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil die anderen Mütter auf der Intensivstation den ganzen Tag da sind. Ich kann mit meiner Narbe nicht den ganzen Tag auf den Beinen sein, es sammelt sich schon gefährlich viel Wasser darüber und ich soll – um Himmels Willen – aufpassen, sagt die Hebamme.

Das Baby macht Fortschritte. So schnell, dass man sich kaum umgucken kann. Jeden Tag, wenn ich komme, kann es etwas Neues. Alleine atmen, mehr trinken, Hände bewegen. Die Ärzt*innen und Pfleger*innen sind fantastisch. Wir müssen nie fragen, immer ist gleich jemand da und erklärt alles. Ich kenne jeden Schlauch und kann alles zuordnen. Ich weiß, wie hoch die Sauerstoffsättigung sein muss und wie man das kleine Messgerät am Fuß wechselt. Wir werden komplett in die Versorgung eingebunden und zumindest habe ich jetzt keinen Schiss mehr, einem Baby ein Fieberthermometer in den Popo zu stecken. Einmal, als ich auf Station komme, schreit ein Baby und ich weiß, dass es meins ist, obwohl ich es vorher noch nie hab schreien hören. Da heule ich schon wieder. Es kann schreien. Wie wunderbar.

Wenn es über die Magensonde Milch bekommt, stecken wir ihm jetzt einen Schnuller in den Mund, damit es checkt, dass Nuckelbewegungen dafür sorgen, dass es satt wird. Ein schlauer Trick, der funktioniert. Dann braucht es die Sonde plötzlich nicht mehr und ein weiterer Schritt ist geschafft. Kurze Zeit später bekommt es ein blaues Haus. Das klebt über seinem Bettchen und bedeutet, dass es in den nächsten zehn Tagen entlassen wird. Zwei Wochen nach seiner Geburt soll es dann soweit sein. Dann ruft die Ärztin einen Tag früher an und sagt: „Wollen Sie ihn heute schon mitnehmen?“ Und ich kann mein Glück kaum fassen. Als wir losfahren, sind wir aufgeregter als auf dem Weg in die Klinik.

Zuhause angekommen zeigt der Mann dem Baby jeden Raum und ich habe immer noch den Desinfektionsgeruch in der Nase. Und dann sind wir plötzlich eine ganz normale Familie. Eine Familie, in der die Mama in den ersten Wochen kaum schläft, weil sie immer wieder kontrolliert, ob das Kind atmet. Aber auch das beruhigt sich. Das Baby selbst entwickelt sich ganz und gar wunderbar und verzaubert ungefähr jede*n, den*die es kennenlernt.

Ich habe immer noch ein sehr großes Uff im Kopf. Ich kann keine tollen Geburtsberichte lesen, ohne sehr neidisch zu sein. Ich stoße Leute oft vor den Kopf, wenn sie locker fragen: „Und, bei der Geburt alles super?“ Weil ich denke, warum fragst du das und wenn du es fragst, dann bekommst du auch die Wahrheit. Ich weine, wenn ich fiktive Geschichten lese, in denen Kinder sterben. Ich zucke bei jedem Ton zusammen, der so piept wie die Kontrollgeräte in der Klinik. Als sich herausstellt, dass das Baby eher zu den Kandidaten gehört, die viele, sehr viele Stunden am Stück abends schreien, um Dinge zu verarbeiten, wollte ich mir erst nicht erlauben, auch mal zuzugeben, dass das einfach unfassbar nervenaufreibend und anstrengend ist und man sich manchmal auch wünscht, dass das Baby jetzt mal für einen Abend ganz woanders sei. Weil ich dachte, ich muss glücklich sein, ständig, es ist da und es lebt und, na gut, es schreit halt, aber auch darüber muss ich mich freuen. Das muss ich nicht. Ich muss einfach nur begleiten und aushalten. Und ja, ich wollte es auch nicht glauben, aber das wird wirklich besser.

Und, wenn ich jetzt manchmal an seinem Bett sitze und es in den Schlaf begleite oder, wenn es fröhlich brabbelnd herumliegt und sich Dinge in den Mund stopft, dann sitze ich manchmal da und denke, krass, dass du das geschafft hast, Baby. Dass wir das geschafft haben. Was bist du für ein großer Kämpfer mit einem unfassbaren Dickkopf. Bleib bitte immer so. Lass dich nicht aufhalten, von gar nichts. Box dich durch. Denn das konntest du schon immer besonders gut.

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